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Vom Glück des Lebens - als PDF    - Geschichten von der Neuen Welt

0. Im Ottertal  -  als PDF
Zuerst waren hier hohe Schieferberge und zwischen ihnen suchte sich der kleine Bach einen Weg. 
Im Laufe der Zeit wurde dann Stein zu Erde und auf der Erde siedelten sich Pflanzen an, 
die Grünlebenden, deren Kraft viele andere Wesen nährt.
Über all die Jahrtausende vervielfältigte sich das Leben auf der Erde,
in immer neuer Einzigartigkeit, auch in diesem kleinen Tal.
Und irgendwann kamen Tiere hierher und lebten im Wasser, auf der Erde und in der Luft.
Schwer zu sagen, welches von ihnen sich dieses Tal zuerst als Heimat wählte.

Den drei Bussarden ist dies ohnehin gleichgültig. Aufmerksam kreisen sie über dem Tal,
ihren scharfen Augen entgeht nichts. Sie sind auf der Suche nach einem abendlichen
Mahl. Doch um die Mühle herum sind jetzt zu viele Zweibeiner unterwegs,
deren Anwesenheit sie wenn irgend möglich meiden. Die Enten sind unerreichbar
auf dem Teich. Die Greifvögel verlegen ihr Kreisen an die Ausläufer des Tales,
wo es jetzt keine Menschen gibt. Beharrlich spähen sie nach Beute.
Da, eine große Feldmaus steckt ihre Nase aus ihrem weit verzweigten Bau,
dessen ausgedehnte Gänge die kleine Obstbaumwiese durchziehen.
Vorsichtig verlässt sie das Loch und begibt sich auf die Wiese.
Sie sieht nicht den Schatten der Bussardfrau, die im Segelflug genau über ihr kreist
und die nun in den Sturzflug übergeht und lautlos auf sie herab stößt.
Ihre Krallen greifen in das rötliche Fell und ihr Schnabel bricht das Genick
- was die letzte Wahrnehmung der Wühlmaus in diesem Leben ist.
Dankbar schlägt die Bussardfrau ihren Schnabel wieder und wieder
in das noch lebendige und warme Fleisch, dass nun ihren Hunger stillt.
Hoch oben kreisen ihr Gefährte und ihre gerade flügge gewordene Tochter,
noch immer auf der Suche nach Nahrung. Doch jetzt im Sommer gibt es für sie alle
immer ausreichend zu essen - es braucht nur viel Geduld und einige Übung.

KiaRa's Augen waren dem Flug der drei Bussarde gefolgt und sie hatte die Bussardfrau
herab stoßen sehen. Für ihre Großmütter waren es Weihen, ein altes Wort,
das wie so viele andere nahezu verloren gegangen war. Was hatte es wohl bedeutet,
diese Vögel Weihen zu nennen? Was wurde von ihnen geweiht? Die Lüfte?
Ihre Gedanken suchten die Spur einer Ahnung, doch vergeblich.

Das Feuer brennt herab und wird zur Glut, die sie mit einem Stock ausbreitet
um dann, wie schon so oft, die Schönheit ihres Verglühens gebannt zu betrachten.
KiaRa mag es, der Stille zu lauschen und den Duft des Waldes und des Feuers
in sich aufzunehmen. Noch immer ist es warm - sehr groß ist der Sommer
in diesem Jahr. Sie entscheidet sich, die Nacht hier oben auf dem Berg zu verbringen
und legt sich neben der letzten Glut auf ihre Decke.
Suchend wandern ihre Augen über den funkelnden Sternenhimmel.
Ja, Sterne schenken uns die Botschaften der Ewigkeit.
Noch immer kennt sie nur einige der Sternenbilder und sie freut sich,
als sie die Große Bärin sieht. Ihr ganzes Leben ist mit ihr verbunden.
Die Zeit ihrer Reisen war begleitet von den Versprechen:
'Am rechten Ort, 
zur rechten Zeit ist dreifach die Mondin im Untergang der Sonne.
Die uralte Weisheit der Gebirge wirft ihre Schatten über die Zwischenzeit,
auf dass sie dich berühren, dir den Rücken stärken. 
Schließe die Augen und erde dich.
Die Schlange der Wandlung kommt auf dein lautloses Rufen.
Gib die Sehnsucht deines Herzens und die Wärme deiner Hände
der letzten Glut im geheimen Ring der miteinander verbundenen Steine.
Heilende Kraft schenken die fließenden Wasser.
Und noch einmal wächst Leben aus Herzblut.
Unhörbar wartet die Große Bärin.'

So lange hatte sie darauf hin gelebt - und dann war es Wirklichkeit geworden,
für sie hier in diesem kleinen Tal, das sie so sehr liebt.
Mit einem Lächeln der Dankbarkeit und der Freude schläft sie ein.

Der scheue Gesang der ersten Vögel weckt sie in der Dämmerung.
Ihre Augen suchen den Himmel nach den Bussarden ab, doch die sind nicht zu sehen.
Langsam setzt sich KiaRa auf, reckt und streckt sich und genießt die Kühle des Morgens
auf ihrer Haut. Im Traum hatte es in ihr gesungen: 
'Himmel und Erde, sie sind alle eins
- komm in den Kreis, verbinde dich
- es ist alles auch dein's, es ist alles auch dein's...'

Versonnen schaut sie auf den gegenüber liegenden Berg, der die Sonne noch verbirgt.
Fast das ganze Tal kann sie von hier oben überblicken.
Aus EnaRa's kleiner runder Hütte steigt Rauch auf und KiaRa weiß,
dass die Alte schon lange vor ihr wach gewesen ist. 
Sie ist wohl immer die erste im neuen Tag. Und sicher hatte sie schon alles vorbereitet 
für die Zusammenkunft im Morgenkreis. Ja, es ist an der Zeit. 
KiaRa steht auf, stochert mit einem Stock und mit prüfendem Blick in der Asche. 
Nein, hier es gibt keine versteckte Glut mehr.
Sie streift ihr Kleid über und rollt die Decke zusammen. 
Noch einmal hält sie kurz inne, dankt dem Platz 
und beginnt dann rasch ins Tal hinab zu steigen.

Tick, tick, tick.. EnaRa presst ihr linkes Ohr, das noch gut hören kann, ins Kissen.
Ich sollte die Uhr endlich weg tun. Ein tiefer Seufzer entringt sich ihrer Brust
– in manchen Dingen halte ich so sehr am Alten fest.
Das Ticken dringt auch durch das Kopfkissen – unaufhaltsam. Tick, tick...
Wie spät mag es sein? Sie müsste nur die Augen öffnen, anhand der Mondin
oder der Dämmerung oder des Lichteinfalls im Tal würde sie es wissen können.
Aber nein, wenn sie die Augen jetzt öffnet, wird sie aufstehen
und die angenehme Wärme ihres Bettes gegen die Morgenkühle eintauschen.
Nein, noch nicht – sie drückt sich tiefer in die Kissen, nur noch zehn Minuten.
Zehn Minuten – was für eine Zeiteinteilung, abzulesen auf einer tickenden Uhr.

Ach ja, die Uhr – ein letztes Erinnerungsstück an ihre Mutter.
Sie hatte die Uhr angeschafft, als EnaRa zur Schule gehen sollte.
Damals gab es noch Schulbusse und somit auch Uhr-Zeit.
Doch Mutter richtete sich nie nach der Uhr, sie wusste einfach wie spät es war.
Minuten brauchte sie nicht, scherzhaft sagte sie immer:
'Ich bin zeitlos, HamiLa, ich weiß es einfach in mir.' So wurde sie als Kind genannt.
Jetzt verstand sie diesen Ausspruch und musste schmunzeln. 

Sie gab sich einen Ruck und schwang die Beine über den Bettrand. 
Nun gab es kein Zurück mehr, jetzt würde sie die Augen öffnen, 
zur Quelle hinter dem Haus gehen, sie segnen,
sich waschen und das Teewasser bereiten. Zu früh, viel zu früh, sie werden alle
noch schlafen – die Mondin verlässt gerade erst das Tal. 
'EnaRa, EnaRa – immer das Gleiche, wie ein Uhrwerk - 
womit wir wieder bei der Uhr wären.'
Die letzten Worte hatte sie laut gesagt. 

Sie nimmt den braunen Tonkrug für das Wasser, und ein Tuch, öffnet die Tür 
und bleibt auf der Schwelle ihrer kleinen Hütte stehen.
Das ist der Augenblick, wo sie sich wie jeden Morgen mit dem Tal, den Pflanzen,
den Tieren und Menschen, ach einfach mit allen Wesen verbindet, mit ihnen verschmilzt,
eins wird mit ihnen. Tief durchatmend richtet sie sich auf und schaut Richtung
Sonnenaufgang. Sie geht den Bach entlang zur Quelle und singt dabei leise vor sich hin:
'Mutter Bach singt ihr Lied, 
Mutter Bach schenkt ihr Nass,
Mutter Bach tanzt nach Haus zur See...' 

Die Dämmerung lässt die Sonne nur ahnen.
Wie immer segnet EnaRa die kleine, munter sprudelnde Quelle, füllt ihren Krug
mit dem frischem, lebendigem Wasser und bedankt sich dafür.
Langsam taucht sie ihre knochigen Hände in das kalte Nass
und lässt es über ihre Haut laufen. Mit dem blauen Tuch reibt sie sich wieder trocken.
Am Bachufer pflückt sie eine Hand voll Minze und kehrt mit dem Krug in ihre Hütte zurück.
Sie entzündet ein Feuer im Herd und stellt für ihren Tee einen Topf mit Wasser auf,
in den sie frische Minze gibt. Sie sucht zusammen, was sie für den Morgenkreis braucht
und trinkt dann genüsslich ihren Tee. So, fertig – entschlossen sieht sie in den Spiegel,
jetzt ist sie bereit unter Menschen zu gehen. Prüfend streicht sie über ihr Gesicht,
die eingegrabenen Zeichen der Zeit. 'Jede Zeit prägt eine Spur – sollte ich sie beschriften,
wäre mein Gesicht voller Geschichten.' Unwillig schüttelt sie den Kopf –
fang' nicht schon wieder mit der Vergangenheit an, alte Frau.
Ihre Augen blitzen in die Augen im Spiegel und fordern den Augenblick.

Das Bächlein hinter EnaRa's Hütte empfängt seine Wasser aus der kleinen Quelle
am südlichen Schieferberg und bringt sie hinunter zum großen Otterbach,
der das kleine Tal mit geformt hat. Weil sich an ihm oft die Rehe laben, nennen es
die Menschen den Bach der Rehe oder einfach Rehbach. Doch außer der alten EnaRa
kommen nur selten Menschen hierher. Jeden Morgen kommt sie zu dem kleinen Becken,
das hier irgendwann entstanden ist, wäscht sich und holt Wasser. Die Spiegelung
ihres Gesichtes und die Schwingung ihrer Hände sind dem Bach vertraut und er spürt,
wie die Liebe, die sie ausströmt, auch die Wasser erfrischt und belebt, die in ihm fließen.
Und auch ihre Gebete und ihre Gesänge nimmt er dankend auf und trägt sie weiter
in den großen Otterbach, der EnaRa's Gabe der Kraft dann zum langen See bringt,
den die Zweibeinigen den See der Fischadler nennen, was eigentlich Unsinn ist,
weil der See ja von den verschiedenen Fischen und Krebsen und Muscheln bewohnt wird.
Menschen sind eben nicht leicht zu verstehen. Der Bach genießt EnaRa's Besuche,
denn über viele hundert Jahre hatten sich Menschen nicht mehr bewusst mit ihm
verbunden. Und er spürt, dass EnaRa auch seine Lieder hört und die sich beständig
wandelnden Muster seines Fließen wahrnimmt.
Der liebevolle Austausch mit ihr ist ein Geschenk des bewussten Verbunden-Seins,
das die neue Welt mit sich gebracht hat.

Fröhlich umspült der plätschernde Bach die großen schwarzen Schiefersteine,

die kleine Strudel und Wasserfälle hervorrufen.
Große und kleine Sumpfdotterblumen tauchen ihre Blätter und manchmal sogar
ihre sonnengelben Blüten in seine Wasser ein und erzählen ihm von der Erde,
in der ihre Wurzeln zuhause sind. Hin und wieder sitzen kleine Vögel auf den Steinen
und trinken von seinem kühlen Nass. Und zuweilen geschieht es, dass ihn
eine Wildsau mit ihren Jungen aufsucht, um ihren Durst zu stillen.
Doch wenn der Winter kommt mit großer Kälte, dann bleibt selbst die sonst
so treue EnaRa aus. Schnee und Eis bedecken dann das Land und auch den Bach,
der unter dem Eis beständig seinem Weg folgt. 
Aber bis dahin fließt noch viel Zeit ins Land. 
Ob die Zeit das Fließen von den Wassern gelernt hat?
Oder die Wasser von der Zeit? 
Das wüsste der kleine Bach nun doch zu gern.

SamRe schaut aus dem Fenster ihres alten Bauwagens.
Genüsslich trinkt sie ihren morgendlichen Saft und stellt sich auf den Tag ein.
Sie liebt es, den Morgen langsam zu beginnen. Nachher wird sie zum Kreis gehen
und mit den anderen die Sonne begrüßen. Aus den Augenwinkeln gewahrt sie EnaRa.
Klar, sie ist wie immer die erste im Tal, die die Gegend durchstreift. Ihre alte Freundin
ist nicht die Langschläferin und ist immer am Feuerplatz zum Morgenkreis,
sie fehlt nie - ganz im Gegensatz zu ihr. In vielem sind sie so gegensätzlich.
Und doch waren sie einander mit der Zeit Schwestern geworden.

Sie, SamRe, begrüßt die Sonne auch gern allein von ihrer Veranda aus.
Es gibt Tage, da ist sie sehr zurückgezogen, still und in sich gekehrt.
Oft holt sie sich an der Quelle hinter EnaRa's Hütte ihr Wasser
und dann sitzen sie zusammen vor der Hütte und schweigen oder reden,
von jetzt, von damals, von einfach allem. Aber dazu müsste sie zeitig aus den Federn,
oft viel zu früh. Zuweilen geht das ja auch, aber das hängt von so Vielem ab,
dass SamRe es nicht mehr benennt und sie es sich angewöhnt hat:
wenn sie da ist, ist sie da – wenn nicht, auch gut. 

SamRe gießt achtsam die Pflanzen auf ihrer Veranda und den Wein, 
der dieses Jahr reichlich Frucht angesetzt hat.
Der halbe Bauwagen ist davon umrankt und sie hat Mühe ihn im Zaum zu halten.
All ihre Kräuter gedeihen prächtig und SamRe freut sich ganz leise,
wenn die anderen über ihre kräftigen Pflanzen staunen.
Schon immer redet sie mit ihnen wie mit den Tieren und den Menschen.
Sie weiß natürlich, es ist nicht nur ihr eigenes Wirken, sondern auch das all der Bienen
und Insekten, die sie ganz bewusst pflegt.
Widerstrebend reißt sie sich aus ihren Gedanken - es ist an der Zeit zu gehen.