AllGemeines

Brief an Bodo Ramelow

An
den Ministerpräsidenten
von Thüringen
Bodo Ramelow

Lieber Bodo Ramelow,

da ich auf meinen Brief vom 30.01.2014 und all meine telefonischen Nachfragen
bezüglich der Wiedergutmachung des SED-Unrechtes vor der Landtags-Wahl
keine Antwort bekommen habe, schreibe ich nun noch einmal.

Öffentliche Entschuldigungen zum SED-Unrecht in der Anrittsrede versprechen
eine Bereitschaft, endlich in wahrhaftigen und öffentlichen Gesprächen
zusammen zu kommen - mit allen Beteiligten,
ehe diejenigen, die es durchlebten, überlebten oder verantworteten sterben.

Die Opfer der SED-Herrschaft wurden von keiner der Fraktionen im Thüringer Landtag
wirklich gehört oder wirksam unterstützt noch wurde mit ihnen gemeinsam nach Lösungen
und Wegen gesucht für die überfällige Aufarbeitung aller politisch begründeten
Menschenrechtsverletzungen in der DDR.
Ihr Alltag ist geprägt vom existentiellen Überleben der durch die Haft verursachten Folgen,
für die es noch immer an einer angemessenen Entschädigung und Wiedergutmachung
fehlt, während die politischen Verantwortungsträger für diese Misere im Landtag
mindestens 5500 € für sich in Anspruch nehmen, ohne sich dieser Ungerechtigkeit
auch nur zu schämen.

Es ist hinlänglich bekannt, dass die SED das MfS beauftragte Andersdenkenden
'das Rückgrat zu brechen' - durch Zersetzung und Haft,
in der psychische und physische Misshandlungen die Regel waren.
Laut der UN-Antifolterkonvention ist jede Handlung als Folter zu werten,
bei der Träger staatlicher Gewalt einer Person vorsätzlich starke körperliche
oder geistig-seelische Schmerzen oder Leiden zufügen, zufügen lassen oder dulden,
um Aussagen zu erpressen, einzuschüchtern oder zu bestrafen.

Das Gesundheitssystem der DDR wurde vom MfS ebenfalls gezielt genutzt.
Auch Ärzte und Psychologen waren als IM tätig und etliche von ihnen direkt für das MfS.
Sie blieben auch nach 1990 übergangslos in Professuren, Dozenturen, Verwaltungen,
Forschung und Niederlassung tätig sowie in Begutachtung und Therapie,
selbst von SED-Opfern!
Auch das wartet auf gesellschaftliche Aufarbeitung.

Die größte Herausforderung in der Aufarbeitung des DDR-Unrechts sind
die individuelle und die kollektive Abspaltung und Verdrängung
der eigenen Verantwortlichkeit in der SED-Gewaltherrschaft in der DDR.

Denn nur wenn wir unsere Vergangenheit wirklich kennen,
verstehen wir auch die Wirkungen unserer Handlungen in der Gegenwart.
In Frieden und Freiheit miteinander zu leben ist eine große Herausforderung,
die der Aufrichtigkeit, des Mitgefühls und der Güte bedarf.

Im Artikel 17 des Einigungsvertrages von 1990 zwischen der Bundesrepublik und der DDR
wurde den Opfern politischer Strafverfolgung unter der SED-Gewaltherrschaft
mit der Rehabilitierung eine angemessene Entschädigung zugesagt,
die 25 Jahre nach der friedlichen Revolution noch immer aussteht.
Viele der Opfer leben an der Armutsgrenze, während ehemalige SED-Funktionäre
noch immer üppige Renten oder üppige Diäten empfangen.

TATEN REDEN IMMER LAUTER ALS WORTE.

Dieser offensichtliche und langjährige Mangel an Menschlichkeit und Gerechtigkeit
ist eine gesellschaftliche, eine politische und eine moralische Wunde,
die nach Heilung verlangt

Im Januar 2014 nahm ich als sachverständige Zeugin für Ehrentraud Fiege,
die wegen Republikflucht inhaftiert war, an einem Verfahren am Sozialgericht in Gotha teil.
Völlig entsetzt war ich von dem opferverachtenden Umgang der Richterin Frau Bald.
Auch dies braucht dringlich eine öffentliche, politische und gerichtliche Klärung,
zu der die vormalige Landesregierung in Thüringen trotz mehrfacher Anfragen nicht bereit
war.

Im Hinblick auf die nun ganz frisch zugesagte Aufarbeitung des SED-Unrechts
in Thüringen warte ich auf eine baldige Antwort und eine Zusammenkunft,
damit aus Worten Taten werden für eine wahrhaft menschliche Gesellschaft.

Mit herzlichem Gruß
Kerstin Schön

PS.:
Noch eine Anmerkung zu diesem Zitat:
'Es wird viel von Schuld die Rede sein und wer wird schon aufstehen und auf sich zeigen
und sagen: Auch ich war schuld. Aber wie mächtig wird der Feind, wenn man alle Schuld
dem Feind zuweist, ohne seine eigenen Fehler zu bedenken.'
- 'Feinde' sind ja nur jene, vor denen wir uns selbst fürchten.
Leben wir unsere Wahrheit in Liebe, dann entdecken wir auch
unsere geschwisterliche Verbundenheit mit allen Menschen.
Und 'Schuld' gibt es ja nicht, es ist nur der Name für die Angst vor der Verantwortung.

Liebschütz, den 14.12.2014

Dr. med. Kerstin Schön
Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie
07368 Remptendorf / OT Liebschütz
Ottermühle 1
fon: 036640-139943 / 4

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